Audi-Chef Gernot Döllner :
90 Sekunden für Trump

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Herzlich Willkommen: Präsident Donald Trump begrüßt Audi-Chef Gernot Döllner im Guardian Center in Perry, Georgia
Herzlich Willkommen: Präsident Donald Trump begrüßt Audi-Chef Gernot Döllner im Guardian Center in Perry, GeorgiaFoto Reuters

Der gemeinsame Auftritt mit Donald Trump in Georgia kann für Audi-Chef Gernot Döllner zum Bumerang werden. In der Heimat wird die Kritik immer lauter. Und dann ist da ein brisanter Paragraph.

Es sind nur 90 Sekunden, in denen Gernot Döllner auf einer Wahlkampfveranstaltung von Präsident Donald Trump verkündet, dass Audi im Bundesstaat Georgia ein neues Werk errichten will. Vier Milliarden Dollar Investitionsvolumen und 4500 neue Arbeitsplätze, um die „größten und kostspieligsten“ Sportgeländewagen zu bauen, ruft der Audi-Chef der johlenden Menge zu. Dann bedankt er sich artig beim Präsidenten für dessen Unterstützung. „Trump, Trump, Trump“, skandiert das Publikum, als Döllner wieder aus dem Scheinwerferlicht tritt.

Nur 90 Sekunden, aber zurückbleibt das Bild eines deutschen Spitzenmanagers, der sich in einem populistischen Spektakel bereitwillig als politischer Joker platzieren lässt. Noch dazu bestätigt er Trumps erpresserischen Protektionismus: erst wird ein Handelskrieg entfacht, dann werden Strafzölle verhängt – und am Ende lässt man sich für die mit Steuergeschenken erkauften neuen Arbeitsplätze feiern.

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Sein Bühnenauftritt in Georgia sei ein Wunsch Trumps gewesen: „Wenn der amerikanische Präsident Sie einlädt, dann nehmen Sie diese Einladung an“, sagte er später vor Journalisten.

Eine „phantastische Gelegenheit“:  Döllner kündigt die Vier-Milliarden-Dollar-Investition in Georgia an.
Eine „phantastische Gelegenheit“:  Döllner kündigt die Vier-Milliarden-Dollar-Investition in Georgia an.Foto AFP

„Höchst peinlich, politisch inakzeptabel“

In der Heimat reißt die Kritik an Döllner auch einen Tag später nicht ab. „Eine Wahlkampfveranstaltung kann nicht der richtige Ort sein, eine solche Investition zu verkünden“, erklärte der niedersächsische SPD-Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies am Montag. IG-Metall-Chefin Christiane Benner, die ebenfalls dem VW-Aufsichtsrat angehört, sagte, die „Art und ⁠Weise, wie Gernot Döllner sich und Audi in den USA präsentiert“ habe, sei „höchst peinlich, politisch inakzeptabel und dem Unternehmen, vor allem aber den Audianerinnen und Audianern, nicht ‌würdig.“

Auch die Konzernbetriebsratsvorsitzende von VW, Daniela Cavallo, kritisierte die Veranstaltung in Georgia, in der sie „etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie“ ausmachte. Wer die Rede von Trump gehört und dann gesehen habe, wie Döllner „zum aktiven Teil dieser Veranstaltung wurde, muss vor Scham im Boden versinken“, erklärte Cavallo. „Unser Konzern-Vorstand hat sich von einer höchst zweifelhaften politischen Figur, die gegen so ziemlich jeden unserer Unternehmenswerte verstößt, zur Marionette in dessen Propaganda-Show machen lassen.“ Die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat soll mit weniger als 48 Stunden Vorlauf von der Veranstaltung mit Trump und den Inhalten erfahren haben.

Unternehmensregeln für politische Neutralität

Damit nicht genug: Döllner soll gegen die eigenen ‌Unternehmensregeln verstoßen haben, die ausdrücklich politische Neutralität ‌im Vorfeld von Wahlen verordnen. Im Konzern gibt es ein sogenanntes „Booklet of Policies“, eine Art Selbstverpflichtung, das erst im April neu aufgelegt und vom gesamten Vorstand unterschrieben wurde, auch von Döllner. Dem Vernehmen nach sollen indes Ausnahmen möglich sein, sofern ein Vorstandsbeschluss dafür vorliegt.

Döllner, der lange für die Schwestermarke Porsche gearbeitet hat, führt Audi seit drei Jahren. Der 57 Jahre alte Maschinenbauer ist ein enger Vertrauter von VW-Konzernchef Oliver Blume. In Ingolstadt hat er einen harten Sanierungskurs eingeschlagen, 7500 Stellen gestrichen, den Vorstand umgebaut und ein Werk in Brüssel dichtgemacht.

Jetzt steht das Traditionswerk in Neckarsulm mit 15.000 Beschäftigten auf der Kippe. Es gehört zu jenen vier Werken, deren Zukunft der VW-Konzern offen infrage stellt. In der bisherigen Sanierung konnte Döllner immer gemeinsam mit dem Betriebsrat Lösungen finden. Die 90 Sekunden von Georgia können alles zunichtemachen.

Für den Audi-Chef ist der Pakt mit Trump riskant. Das geplante Werk in Georgia ist für den amerikanischen Markt wichtig, die dort aufgebauten Kapazitäten erhöhen jedoch den Druck auf die schlecht ausgelasteten Fabriken in der Heimat. Die Gespräche mit der Arbeitnehmerseite dazu werden weitergehen. Und auch über den geplanten Neubau in Georgia ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Audi-Betriebsratschef Jörg Schlagbauer, mit dem Döllner in kritischen Fragen bisher immer einen Konsens gefunden hat, legt Wert auf den Umstand, dass „eine belastbare Entscheidung“ nicht vorliege und die zuständigen Unternehmensgremien „hierzu bislang keine abschließenden Beschlüsse gefasst“ hätten.

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat knüpfen den Neubau an Bedingungen und wollen wissen, welche Folgen eine solche Investition für die übrigen Standorte hätte. „Ohne ein Gesamtbild zur Planungsrunde mit dem Gesamtblick auf alle Standorte geben wir kein grünes Licht“, sagte Cavallo. Eine Zustimmung ist damit noch nicht sicher.

Bei Döllner hat wirtschaftlicher Pragmatismus offenkundig Vorrang vor der politischen Haltung. Ob sein Kalkül aufgeht, entscheiden die VW-Aufsichtsräte – und am Ende die Autokäufer.

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Um die Strafzölle zu umgehen, will Audi ein eigenes Werk in den USA bauen. Die Ankündigung und der Auftritt des Audi-Chefs auf offener Bühne mitten im Wahlkampf sind wie gemacht für den amerikanischen Präsidenten.

Roland Lindner, Christian Müßgens, Henning Peitsmeier
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